Wie stylen chassidische Juden ihr Haar? Die tiefe Bedeutung hinter den Schläfenlocken

Sind Sie schon einmal durch Viertel wie Williamsburg oder Crown Heights in Brooklyn spaziert und haben die markanten, oft eng gelockten Haare chassidischer Männer und Jungen bemerkt? Das ist nicht einfach nur eine besondere Frisur. Sie ist eine jahrhundertealte Tradition, ein sichtbares Zeichen des Glaubens, das viel Neugierde weckt. Falls Sie sich jemals gefragt haben: „Wie locken sich chassidische Juden die Haare?“, sind Sie hier genau richtig. Wir erklären Ihnen nicht nur die Methode, sondern tauchen tief in die wunderschöne Bedeutung dahinter ein. Lassen Sie uns die Geschichte dieser ikonischen Locken Strähne für Strähne entschlüsseln.
Es geht nicht nur um Haare; es ist ein Gebot.
Zunächst einmal müssen wir den Grund dafür verstehen. Diese Locken haben nichts mit Modetrends oder persönlicher Vorliebe zu tun. Für chassidische Juden sind sie die direkte Erfüllung eines biblischen Gebots aus der Tora, genauer gesagt aus dem Buch Levitikus (19,27). Dort heißt es: „Du sollst die Ecken deines Hauptes nicht rund scheren und die Ecken deines Bartes nicht abschneiden.“ Dies wird als Verbot interpretiert, die Schläfenhaare vollständig zu rasieren. Das hebräische Wort für diese Schläfenlocken ist „Pejot“ (ausgesprochen PA-jut). Die Pejot bleiben also ungeschnitten als sichtbare Erinnerung an Gottes Gebot und als Zeichen ihrer Hingabe. Man kann es sich als ein ständiges, sichtbares Bekenntnis zu ihrem Glauben vorstellen, das sie jeden Tag bei sich tragen.

Wie bekommen sie also diese perfekten Locken? Die praktischen Methoden
Kommen wir nun zum Kern Ihrer Frage. Wenn die Schläfen nicht geschnitten werden, wie werden sie dann in diese schönen Locken geformt? Der Vorgang ist überraschend einfach und kommt oft ohne Hitze oder herkömmliche Lockenstäbe aus. Es geht vor allem um die richtige Technik und Geduld. Es gibt zwei Hauptmethoden:
- Die natürliche "Wickel-und-Steck"-MethodeDies ist die gebräuchlichste und traditionellste Technik. Sie nutzt die natürliche Haarstruktur und -länge sowie einige Stylingprodukte, um Locken zu erzeugen.
- Die moderne „werkzeuggestützte“ VarianteManche, insbesondere jüngere Jungen oder solche mit glatterem Haar, verwenden möglicherweise ein einfaches Hilfsmittel, um die Locken zu fixieren.
Lasst uns die klassische Wickel- und Stecktechnik genauer betrachten.

Stellen Sie sich vor, Sie wickeln ein Stück Schnur um Ihren Finger – der Vorgang ist sehr ähnlich. Hier ist eine schrittweise Erklärung, wie die klassische Methode funktioniert:
Schritt 1: Die Haarlänge ist entscheidend.Das Haar an den Schläfen wird lang gewachsen und reicht oft bis zum Kinn oder sogar noch tiefer. Diese Länge ist für das Locken absolut notwendig.
Schritt 2: Das Auftragen der Pomade.Eine kleine Menge Haarpomade, Wachs oder Gel wird auf den Haaransatz aufgetragen. Dies dient nicht nur dem Halt, sondern definiert auch die Haarsträhne und macht sie geschmeidiger. Früher wurde dafür oft ein natürliches Produkt auf Bienenwachsbasis verwendet.
Schritt 3: Die Drehbewegung.Die Person nimmt eine einzelne „Payah“ (eine Seitenlocke) zwischen Daumen und Zeigefinger und beginnt, sie fest einzudrehen. Sie beginnt am Haaransatz und dreht bis zur Spitze, wodurch eine lange, spiralförmige Haarsträhne entsteht.
Schritt 4: Das Aufrollen und Einstecken.Das ist der entscheidende Schritt. Sobald das Haar fest eingedreht ist, rollt es sich von selbst auf. Man wickelt diese eingedrehte Strähne dann um sich selbst und formt so eine enge Locke. Das Haarende wird anschließend vorsichtig unter oder in den Ansatz der Locke nahe dem Ohr gesteckt, um sie zu fixieren. Die Pomade und die natürliche Spannung des Haares sorgen dafür, dass die Locke den ganzen Tag hält.
Bei der Methode mit Hilfsmitteln verwenden manche einen sogenannten „Payot“-Lockenwickler – einen einfachen, kleinen, hohlen Lockenwickler. Das Haar wird eingedreht, um den Lockenwickler gewickelt und kurz einwirken gelassen, damit sich die Form fixiert. Anschließend wird der Lockenwickler entfernt. Es ist eine einfache Methode, um gleichmäßige Locken zu erzielen, insbesondere für besondere Anlässe.
Nicht alle Locken sind gleich.
Wussten Sie, dass man manchmal die Zugehörigkeit einer Person zu einer bestimmten chassidischen Gemeinschaft allein an ihren Schläfenlocken erkennen kann? Es stimmt! Die Vielfalt der Stile ist faszinierend. Viele Lubawitscher (Chabad) Chassidim tragen ihre Schläfenlocken beispielsweise offen, manchmal mit einer lockeren Locke, anstatt sie streng hinter die Ohren zu stecken. Satmarer oder Belzer Chassidim hingegen tragen oft die charakteristischen, perfekt straffen und kreisförmigen Locken, die eng am Kopf anliegen. Diese feinen Unterschiede sind ein wichtiger Bestandteil ihrer kulturellen Identität.

Das tägliche Pflegeritual
Das Pflegen der Schläfenlocken (Pejot) ist ein täglicher Bestandteil der Körperpflege eines chassidischen Mannes und erfolgt oft nach der rituellen morgendlichen Händewaschung. Es ist ein stiller, achtsamer Moment. Die Locken werden üblicherweise jeden Tag geöffnet und neu geformt. Und nicht vergessen: Das wichtigste Prinzip ist, dass die Haare der Schläfenlocken niemals geschnitten werden. Dies ist eine lebenslange Tradition, die mit dem ersten Haarschnitt eines Jungen im Alter von drei Jahren beginnt, einer Zeremonie namens Upsherin.
Fazit: Mehr als eine Locke, ein Bund
Wenn Sie also das nächste Mal diese charakteristischen Locken sehen, wissen Sie, dass es sich um weit mehr als nur eine Frisur handelt. Sie werden Zeuge einer lebendigen Tradition, eines körperlichen Ausdrucks des Glaubens, der eine moderne Gemeinschaft mit einem uralten Bund verbindet. Das Locken der „Pelot“ – ob mit den Fingern oder mit etwas Hilfe einer Lockenwickler – ist ein schlichtes, tägliches Ritual, das eine tiefe spirituelle Identität stärkt. Es ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie ein äußeres Erscheinungsbild mit einer tiefen Bedeutung verbunden sein kann.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Tragen alle jüdischen Männer Schleier?
Nein, nicht alle. Am weitesten verbreitet und streng praktiziert ist es jedoch unter orthodoxen jüdischen Gruppen, insbesondere unter chassidischen und einigen anderen ultraorthodoxen (Haredi-)Gemeinden. Viele moderne orthodoxe Juden tragen ihre Schläfenlocken (Pejot) nicht sichtbar lang.
- Ab welchem Alter tragen Jungen Locken?
Jungen beginnen ihren „Payot“ nach ihrem „Upsherin“, ihrem ersten Haarschnitt, der stattfindet, wenn sie drei Jahre alt werden, wachsen zu lassen.
- Locken sich chassidische Frauen die Haare?
Nach der Heirat befolgen chassidische Frauen die Gesetze der Bescheidenheit (ʿTznius), wozu oft auch das Bedecken des eigenen Haares mit einem Kopftuch (Tichel) oder einer Perücke (Scheitel) gehört. Das Locken der Haare ist eine Praxis, die Männern vorbehalten ist und auf einem biblischen Gebot beruht.
- Was passiert, wenn sich die Locke im Laufe des Tages löst?
Das ist kein großes Problem. Wenn sich eine Locke löst, dreht man sie einfach wieder ein und steckt sie fest. Das gehört einfach zum Alltag.
- Gibt es eine bestimmte Richtung, in die man die Haare locken muss?
Es gibt kein strenges religiöses Gesetz, das die Richtung (im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn) vorschreibt. Im Allgemeinen hängt es von der persönlichen Gewohnheit und dem ab, was sich für den Einzelnen am natürlichsten anfühlt.
- Können sie die „Schlägel“ jemals kürzen?
Nein, das zentrale Prinzip ist, dass sie niemals beschnitten werden. Sie dürfen unbegrenzt wachsen, werden zwar manchmal gestutzt, wenn sie zu lang und unhandlich werden, aber niemals vollständig entfernt.
- Welche Art von Pomade verwenden sie?
Obwohl grundsätzlich alle koscheren Haarprodukte verwendet werden können, bevorzugen viele traditionelle, natürliche Produkte wie Pomaden auf Bienenwachsbasis.
- Warum sind manche „Payot“ so lang?
Die Länge ist eine Frage der Gewohnheit und der persönlichen oder gemeinschaftlichen Strenge. Manche Gemeinschaften und Einzelpersonen glauben, dass ein sehr langes Wachsen des Bartes als umfassenderer Ausdruck des Gebots gilt.
- Ist es respektlos, nach ihnen zu fragen?
Neugier ist zwar verständlich, doch Respekt ist stets angebracht. Für chassidische Juden gehört ihre religiöse Kleidung zum Alltag, und ständige Fragen können als aufdringlich empfunden werden. Es ist oft am besten, die Tradition aus respektvoller Distanz zu betrachten.
- Worin besteht der Unterschied zu Rastafari-Dreadlocks?
Obwohl in beiden Fällen aus religiösen Gründen auf das Haareschneiden verzichtet wird, unterscheiden sich die Traditionen grundlegend. Rastafari lassen sich Dreadlocks wachsen, basierend auf den Gelübden der Nasiräer, während es bei „Payot“ speziell darum geht, die Schläfen nicht zu rasieren und die Haare oft sorgfältig zu stylen, anstatt sie einfach verfilzen zu lassen.

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